Blat – die sowjetische Gefälligkeitsökonomie

Tropft der Wasserhahn? Deine Schuhe zerfallen und im Geschäft gibt es nur leere Regale? Gibt es Probleme bei der Einschreibung an der Uni? – Keine Sorge, ich kenne da jemanden, der jemanden kennt…
„Blat“ (блат) ist der russische Begriff für „Vitamin B“. Informelle Beziehungen gibt es überall. Aber sie funktionieren unterschiedlich in verschiedenen Gesellschaften. In Russland bildete sich in der Zeit des Kommunismus aber eine besondere Gefälligkeitsökonomie heraus. Um sie zu verstehen, muss man sich drei Bedingungen vor Augen führen, die in der realsozialistischen Gesellschaft gegeben waren:

  1. Es gab eine Knappheit an Gütern und Dienstleistungen, die fast alle Betraf.
  2. Manche Personen hatten besonderen Zugang zu bestimmten Gütern und Dienstleistungen.
  3. Die sozialistische Moral verdammte einerseits sowohl Vetternwirtschaft als auch jede Art von privaten Geschäften. Andererseits hieß sie selbstlose Hilfe gegenüber Genossen und Mitbürgern gut.

Viele Dinge gab es nicht in den Geschäften vor Ort und Dienstleistungen erhielt man oft nur über lange Wartelisten. Das begann bei einfachen Dingen wie Toilettenpapier, Unterwäsche, frischem Obst und Batterien und ging weiter über Fernseher, Einrichtung eines Telefonapparats, ärztliche Untersuchungen bis hin zu Kuraufenthalten, Autos, Eigenheimen und Auslandsreisen.
Wie kam man aber an solche Dinge ran? Vorausgesetzt dieses Gut oder diese Dienstleistung war irgendwo auf dem Gebiet der Sowjetunion vorhanden, musste es jemanden geben, der den Zugang dazu erleichtern konnte. Vielleicht wusste jemand, wann und wo dieses Gut oder die Dienstleistung verfügbar war.
„Am Dienstag kommt eine neue Ladung von Winterbekleidung in das Geschäft an der Ecke.“
Oder jemand kennt die Personen, die die Dienstleistung erbringen sollen.
„Die Warteliste ist lang, aber man sie nicht lange warten lassen, wenn Sie sagen, dass ich Sie schicke.“
Oder jemand reist an einen Ort an dem bestimmte Güter leichter verfügbar sind.
„Ich fahre nächsten Monat nach Georgien, soll ich Ihnen von da etwas Wein mitbringen?“
Und an dieser Stelle kommt die sozialistische Moral ins Spiel. Sie verbat, dass Personen ihre Stellung oder ihr Insiderwissen für sich nutzten.
„Was schulde ich Ihnen?“ – „Nichts. Das versteht sich doch von selbst, dass ich Ihnen helfe.“
Aber auch die Vetternwirtschaft und Bevorteilung aufgrund persönlicher Kontakte war verpönt. Um diese Auszuschließen war ein Vermittler notwendig.
„Ich kann mich Ihres Falles nicht persönlich annehmen. Aber rufen Sie meinen Kollegen an und sagen ihm, dass ich Sie schicke.“
Warum machten die Menschen das? Weil Menschen grundsätzlich gerne anderen helfen. Aber auch, weil sie wussten, dass sie selbst ebenso auf die Hilfe anderer Angewiesen sein würden. Und man half nicht grundsätzlich allen, sondern Personen, die „svoi“ waren – jemand von uns. Also jemand mit dem man etwas teilte – und seien es die sozialistischen Werde der Hilfe für Genossen und Mitbürger.
Während man sich auf die eigentlich für alle gültigen sozialistischen Werte bezog, bildete man auf dieser Grundlage dennoch ein informelles Netzwerk und einen ökonomischen Kreislauf. Die Aufgabe des Mittelsmannes war es einerseits Abstand zu schaffen, um nicht den Anschein von Seilschaften zu schaffen, andererseits eben doch dafür zu bürgen, dass die vermittelte Person in Ordnung ist, würdig ist, dass man ihr hilft und anderen zweifelsohne auch helfen würde.
Und auf lange Sicht funktionierten diese Kreisläufe der vermittelten Gefälligkeiten. Man konnte natürlich keine Bilanz ziehen, ob wer wieviel in dieses Netzwerk reingesteckt hat und wieviel herausbekommen hat. Aber diese Bilanz sollte auch nicht gemacht werden, weil solch pragmatisches Denken nicht der sozialistischen Moral entsprach. Außerdem war es in einer Wirtschaft, in der Güter und Dienstleistungen keinen berechenbaren Wert hatten, der sich nach Angebot und Nachfrage gerichtet hätte, sinnlos Bilanzen zu ziehen – denn die Dinge waren entweder da, wenn man sie brauchte, oder nicht. Und jeder hoffte, dass ihm geholfen würde, wenn er auf Hilfe angewiesen sein würde.
Der Einzug des Kapitalismus nach Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 zerstörte diese Gefälligkeitsökonomie. Wer eine Gefälligkeit wollte, musste fortan die Gegenleistung – am besten unverzüglich in bar. Der Grund für diese Veränderung lag daran, dass Güter und Dienstleistungen nicht mehr einfach vorhanden waren oder nicht, sondern eigentlich immer vorhanden waren – nur eben mal teurer mal billiger. Zugleich verschwand die sozialistische Moral. Im Kapitalismus ist derjenige, der den Wert einer Leistung nicht kennt und keine Gegenleistung verlangt der Dumme.

Literaturempfehlung:

Der Blat, wie er in diesem Artikel geschildert wird, wurde als soziologisches Konzept von Alena V. Ledeneva herausgearbeitet. Wer sich damit näher beschäftigen will, kann ihr Buch zu diesem Thema lesen: Russia’s Economy of Favours: Blat, Networking and Informal Exchange, Cambridge, 1997.