Wie der Marxismus in Russland die Dinosaurier ausrottete

Die Dinosaurier waren die größten Landtiere, die je auf unserem Planeten gelebt haben. Sie können nur von einer Kraft wie einem gigantischen Meteoriten ausgerottet worden sein. Was könnte noch mächtiger sein, als ein Meteoriteneinschlag mit der Gewalt von vielen Millionen Wasserstoffbomben?

„Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist“ –schrieb Lenin 1913 und errang wenige Jahre später mit einer kleinen Gruppe von Anhängern (den Bolschewiki) die Herrschaft über das russische Imperium. Seine Machtergreifung in der Oktoberrevolution von 1917 war nach sowjetischer Lesart eine historische Notwendigkeit der Weltgeschichte. Zugleich sollte mit ihr ein Prozess angestoßen werden, der in kürzester Zeit die politische und wirtschaftliche Ordnung in allen Ecken der Erde grundlegend umkrempeln würde: Keine Grenzen mehr, keine Staaten, keine Kriege, keine Klassen, keine Armut und kein Reichtum, keine Furcht vor weltlichen oder göttlichen Autoritäten. Eine neue Welt bewohnt von einem neuen Menschentypus.
In der nun ausgerufenen Diktatur des Proletariats wurde der Marxismus nicht nur zur einzig richtigen politischen Lehre erhoben. Als „dialektischer Materialismus“ wurde er auch zu einem verbindlichen Paradigma für alle Naturwissenschaften. Wie der Lauf der Geschichte vom ewigen Klassenkampf angetrieben wurde, der am Ende jedes Zeitalters Revolutionen hervorrief, welche die sozial-ökonomischen Verhältnisse umkrempelten und alte Herrschaftsklassen ersetzten, so wechselten auch in der Natur evolutionäre und revolutionäre Prozesse einander ab. Diese Vorstellung gehörte zum Weltbild sowjetischer Wissenschaftler.
Vor einigen Jahren unterhielt ich mich in Moskau mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des dortigen paläontologischen Museums. Soweit ich mich erinnere, war er auf eine Dinosaurierart aus der Zeit der Trias spezialisiert, die zu den frühen Landwirbeltieren gehörte. In wohl weniger als einer Stunde legte er die Grundzüge der Evolution auf unserem Planeten in den letzten fünfhundert Millionen Jahren dar.
Als die Tiere noch keine harten Körperteile hatten, hatte die Evolution eine klare Tendenz: Um den anderen zu fressen und selbst nicht gefressen zu werden, musste man größer sein. Im Wettlauf miteinander wurden die Tiere immer größer und größer und größer
– bis manche Tiere harte Mundwerkzeuge entwickelten. Mit einem Mal war es egal, wie groß du warst: denn du konntest bei lebendigem Leibe von einem kleineren Tier zerstückelt werden. Ein revolutionärer Umbruch fand statt.
Als nun viele Tiere über Knochen, feste Haut und Mundwerkzeuge verfügten, wiederholte sich abermals der Wachstumswettlauf. Dinosaurier, die nun die Erdoberfläche bewohnten wurden größer und größer… Bis auf einmal kleinere Tiere die Fähigkeit, erlangten flink und geschickt ihre Eier und ihren Nachwuchs zu fressen. Die riesigen Tiere waren auf diese Herausforderung nicht vorbereitet. Abermals kam es zu einer Revolution, bei der die Vorherrschaft der großen blitzartig beendet wurde. Fortan beherrschten die Säugetiere die Erdoberfläche. Von den Reptilien überlebte, wer sich rechtzeitig an eine Nische angepasst hat: Schildkröten, Krokodile, Schlangen, kleine Eidechsen – oder wie die Vögel eine neue Dimension – den Luftraum – erschloss.
Und was war nochmal mit dem Meteoriten? Der ist in diesem Narrativ höchstens eine Episode, die den allgemeinen Lauf der Geschichte vielleicht kurzfristig störte, aber eben nicht bestimmte.
Was war es denn nun? Der Meteorit als Schicksalsschlag, als deus ex machina, als Sieg des kosmischen Chaos gegen die Ordnung in unserem kleinen irdischen Mikrokosmos? Oder doch die Evolution?
Sicher ist, dass etwas die Dinosaurier ausrottete und das ist ein Fakt, der unabhängig von unseren Diskussionen besteht. Bis die Wissenschaft aber tatsächlich den Prozess eindeutig rekonstruieren kann, bleibt es eine Glaubensfrage. Wer an historische Gesetzmäßigkeit glaubt, wird die dialektische Theorie vom Aussterben der Dinosaurier infolge einer zoologischen Revolution elegant und ansprechend finden. Wer hingegen glaubt, dass der Geschichtsprozess eben nicht vorherbestimmt, sondern chaotischen Einwirkungen unterliegt, wird sich eher mit der unvorhersehbaren Katastrophe des Meteoriteneinschlags anfreunden können.