Der rote Pate – Stalin

Josef Stalin (1878-1953) war einer der mächtigsten Männer des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Macht war durch kein Gesetz, keine Institution und keine lebende Autorität eingeschränkt. Man kann ihn mit Diktatoren, Zaren und Päpsten vergleichen. Doch das war eher die Fassade.

Ende der 1920er Jahre gewann Stalin die Parteiinternen Machtkämpfe und wurde praktisch Alleinherrscher in der Sowjetunion, die er mit eiserner Hand regierte. Doch seine politische Karriere begann schon dreißig Jahre früher – im politischen Untergrund des ausgehenden Zarenreiches. Durch Raub und Schutzgelderpressung beschaffte er Geld für Lenins Partei – die Bolschewiki. Über den von ihm organisierten Banküberfall in der Stadt Gori mit vielen Toten und einer sagenhaften Beutesumme wurde in ganz Europa berichtet. Stalin musste immer wieder vor der Polizei flüchten und sich verstecken, unterschiedliche Identitäten annehmen (Stalin war übrigens nur einer seiner vielen Tarnnamen) und Rollen spielen, Verhören widerstehen. Das Zarenregime verurteilte ihn zu Gefängnis und zu Verbannung, ohne tatsächlich seine Machenschaften aufzudecken. Umgekehrt enttarnte Stalin Spitzel der Geheimpolizei und sorgte für ihre Beseitigung. Dies waren die ersten zwanzig Jahre seiner politischen Tätigkeit.
Und auch schon lange nachdem er den Gipfel der Macht erklommen hatte, ähnelte Stalin mehr einem Mafiaboss als einem Kaiser. Er war bis zuletzt ein Strippenzieher, der seine engsten Mitstreiter gegeneinander ausspielte. Über Einzelpersonen herrschte er durch Gefälligkeiten, Manipulation, Erpressung. Im persönlichen Umgang war er sich für keinen Taschenspielertrick und keine psychologische Manipulation zu schade – wie zum Beispiel das Vertrauen von Menschen durch überraschende Offenheit zu gewinnen, um ihnen dann ohne mit der Wimper zu zucken ins Gesicht zu lügen.
Obwohl Stalins Terrorherrschaft vor allem mit Arbeitslagern und Schauprozessen assoziiert wird, die als Ausdruck totaler Herrschaft des Staates über Geist und Körper der Bürger gesehen werden können, waren die Machenschaften Stalins oftmals einfach nur in jeder Hinsicht mafiös. So ließ er im Januar 1948 den Vorsitzenden des Jüdischen Antifaschistischen Komitees Solomon Michoels ermorden. Die Leiche wurde von einem LkW überfahren, um einen Autounfall vorzutäuschen. Anschließend wurde Michoels in einem Staatsbegräbnis beigesetzt.
International konnte Stalins Sowjetunion mit allen ins Geschäft kommen. Im August 1939 teilte er Europa mit Hitler auf. Wenige Jahre später ließ er die griechischen Kommunisten aufgrund eines Geheimabkommens mit Churchill im Stich.
Als Stalin starb, brachen die Massen in Tränen aus. Seine nächsten Kompagnons waren jedoch erleichtert und kümmerten sich vor allem um die Sicherung des angefallenen sie belastenden Materials.
Stalin war ein Ganove. Das bedeutet nicht, dass er nicht überzeugter Marxist gewesen wäre. Auch ist damit nicht der Stalinismus als Gesamtphänomen zu erklären. Wenn man aber weiß, dass die kriminelle Unterwelt sein Element war, wird vieles plausibler.

Buchempfehlung:
Simon Sebag Montefiores „Der junge Stalin“ ist eine vorzügliche Lektüre über Stalins Werdegang im politischen Untergrund. Nicht nur ist dieser Lebensabschnitt Stalins in biographischer Hinsicht spannender als die Jahre an der Macht. Das Buch ist auch deutlich geschliffener als Montefiores erste Stalin-Biographie „Am Hof des Roten Zaren“.